
0,0 % Lieber ohne – vom Verzicht zum Lifestyle
Wenn der Trend zur neuen Kategorie wird: Alkoholfreie Alternativen boomen wie nie und eröffnen völlig neue Perspektiven – für Konsumenten, Handel und Gastronomie. Von einem Trend, der gekommen ist, um zu bleiben.
Ist Alkoholfrei das neue Normal?
„Trinkgewohnheiten verändern sich generationenübergreifend – nicht nur in der Menge, sondern vor allem in der Bedeutung, die Konsumenten Alkohol heute beimessen“, sagt Isabel Göpel, Senior Research Executive beim Meinungsforschungsinstitut YouGov.
Für die Studie „Alkoholkonsum im Wandel – Zwischen Tradition und neuen Erwartungen“ hat das Institut im September letzten Jahres gut 2.000 Menschen ab 18 Jahren in Deutschland repräsentativ zu ihren Konsumgewohnheiten befragt.
Demnach zeigt sich ein Paradigmenwechsel im Trinkverhalten: Alkoholische Getränke zu sich zu nehmen verliert deutlich an Alltäglichkeit, Geselligkeit und Alkoholgenuss gehören nicht mehr automatisch zusammen. Gaben 2015 noch 78 Prozent der Befragten an, grundsätzlich Alkohol zu trinken, waren es zehn Jahre später nur noch 68 Prozent.
Der Wandel ist tiefgreifend, und er ist wohl dauerhaft. Zu diesem Schluss kommt auch der Studie „The Future of Alcohol“ der Unternehmensberatung Roland Berger. Im Negativszenario könnte sich der weltweite Alkoholkonsum bis 2050 halbieren.
Bier: Alkoholfrei auf dem Bronzeplatz
Der Biermarkt zeigt es deutlich: Die Zeiten, in denen man skeptisch beäugt wurde, wenn man mit einem „Bleifreien“ angestoßen hat, sind lange vorbei. Nahezu wöchentlich kommen alkoholfreie oder 0,0-%-Varianten auf den Markt – vom Pils über Weizen und Lagerbiere bis zu Biermischgetränken.
In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Produktion alkoholfreier Biere mehr als verdoppelt, und die Entwicklung bleibt dynamisch: Nach Angaben des Deutschen Brauer-Bunds wurden 2025 rund 750 Millionen Liter alkoholfreies Bier hergestellt, ein Zuwachs von 7,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Foto: © gemeinfrei
Auf den Gesamtkonsum bezogen, erreichen alkoholfreie Biere und Mischgetränke im Handel inzwischen einen Anteil von rund 11 Prozent. Damit belegen sie nach den alkoholhaltigen Pils (unangefochtener Marktführer mit 50 Prozent) und Hellbieren (wachsende Kategorie mit circa 12 Prozent) Platz drei auf der Beliebtheitsskala.
Vom Nischenprodukt zum Wachstumstreiber
„Alkoholfreie Biere sind längst kein Nischenprodukt mehr, sondern ein zentraler Wachstumstreiber unserer Branche. Wegen der steigenden Beliebtheit dieser Biere sind wir mittlerweile zum größten Markt für Alkoholfreies in Europa geworden“, sagt Christian Weber, Präsident des deutschen Brauer-Bunds.
Die deutschen Brauereien reagieren mit einer immer breiteren Alkoholfrei-Auswahl, das Segment wird zu einem zentralen Baustein vieler Markenportfolios. Zunehmend setzen Bierproduzenten auch auf den ebenfalls wachstumsstarken Limonadenmarkt. Eine echte Chance auch für Gastronomen, sich vom Standard-Angebot abzuheben und mit Premium-Limonaden zu punkten.
Wein: Zweistellige Zuwächse
Auch bei Weinen und Schaumweinen wird das alkoholfreie Angebot immer breiter. Im Rahmen der Geisenheimer Absatzanalyse berichtete 2025 bereits jeder dritte Betrieb von insgesamt 506 befragten Weingütern, Kellereien und Winzergenossenschaften über alkoholfreie Weine in seinem Sortiment – ein Anstieg von 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die Käuferschicht wächst rasant: 2024 kauften nach der vom Deutschen Weininstitut beauftragten Weinmarktbeobachtung von Nielsen IQ 86 Prozent mehr Haushalte alkoholfreie Weine im Handel als noch im Vorjahr, 2025 stieg ihre Zahl noch einmal um 44 Prozent an.
Im Ab- und Umsatz des Lebensmitteleinzelhandels legten alkoholfreie Weine damit im vergangenen Jahr erneut um satte 25 Prozent zu und trugen zwei Prozent zum Umsatz des Gesamtmarkts bei. Beim Schaumwein beziffert das Institut den Marktanteil alkoholfreier Sorten mittlerweile sogar auf sieben bis acht Prozent.

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Alkoholfrei war nie besser
Dabei finden Angebot, Nachfrage und verbesserte Weinqualitäten zusammen. „Neue Technologien und verbesserte Prozesse haben die alkoholfreien Weine und Sekte in den vergangenen besonders im Geschmack deutlich weiterentwickelt“, erklärt Holger Kautz, IHK-geprüfter Sommelier der Essmann Gastronomie Service GmbH & Co. KG (EGS). „Denn beim Genuss wollen die Konsumenten keine Kompromisse eingehen. Moderne Entalkoholisierungsverfahren ermöglichen es, dem Wein den Alkohol schonend zu entziehen, ohne dass die typischen Aromen verloren gehen.“
Spirituosen: Cocktail oder Mocktail?
Neue Technologien treiben auch den Markt für „alkoholfreie Spirituosen“. Alkoholfreie Alternativen zu Gin, Rum & Co. werden immer zahlreicher – auch wenn die alkoholfreien Destillate nach der aktuellen Rechtslage oft nicht den Namen ihrer hochprozentigen Vorbilder tragen dürfen. Denn für die Spirituosenkategorien Rum, Whiskey und Gin ist ein Mindestalkoholwert vorgeschrieben, Begriffe wie „alkoholfreier Gin“, oder auch „Virgin Gin“ sind unzulässig. Ungeachtet dessen haben sie längst ihren festen Platz gefunden – in den Karten der Bars wie in den Regalen im Handel, in Mocktails wie in Longdrinks.
Die Zukunft ist hybrid
Ob beim Feiern, beim Essen oder einfach im Alltag: Alkoholfreie Getränke haben sich zu echten Genussmitteln entwickelt, die in Qualität und Geschmack den alkoholhaltigen Varianten in nichts nachstehen. Die Konsumenten schätzen den Mix und wechseln je nach Anlass, Lust und Laune flexibel zwischen alkoholischen und alkoholfreien Getränken. Für die Gastronomie sind alkoholfreie Getränke längst ein Muss im Sortiment, ein nicht zu unterschätzender Umsatztreiber und eine Möglichkeit, das eigene Profil zu schärfen.
Info:
Alkoholfrei vs. 0,0 %
Laut europäischem Lebensmittelrecht darf Bier, wie auch Wein und Sekt, als „alkoholfrei“ deklariert werden,
wenn es maximal 0,5 Volumenprozent Alkohol enthält. Die Höhe dieses Anteils am sogenannten Restalkohol
ist von Getränk zu Getränk verschieden. Ist ein Getränk mit 0,0 % gekennzeichnet, wurde der Alkohol
vollständig entzogen – möglich sind technisch bedingt oder durch natürliche Gärung lediglich minimale
Restspuren von bis zu 0,03 Volumenprozent.
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