
Verschluss mit Zisch - Aus der Geschichte des Kronkorkens
Getränkeverschluss neu gedacht
Am 19. Mai 1891 meldete der US-Amerikaner William Painter (1838–1906) ein Patent an – und veränderte den Getränkehandel nachhaltig. Bis zur Entwicklung seines Kronkorkens hatte man Flaschen mit unterschiedlichen Stopfen aus Kork, Porzellan, Hartgummi oder Metall verschlossen.
Das Problem: Die Stopfen schlossen entweder nicht luftdicht ab, sodass kohlensäurehaltige Getränke schnell schal wurden, oder die Verschlüsse hielten dem Druck in den Flaschen nicht stand. Am ehesten mit der Drucksituation zurecht kam noch der 1875 von dem Berliner Carl Dietrich erfundene Bügelverschluss. Dieser war allerdings relativ teuer und aufwendig in der Herstellung.

William Painter (1838-1906), Erfinder des Kronkorkens und Flaschenöffners
Foto: © gemeinfrei
Die 24 Zacken des William Painter
Der gebürtige Ire und passionierte Erfinder William Painter (mehr als 80 Patente ließ er auf seinen Namen eintragen) verschrieb sich der Aufgabe, vor allem Bierflaschen luftdicht und geschmacksneutral, jedoch kostengünstiger und schneller als per Bügelverschluss zu verschließen. Sein Freund und Berater John Hawkins resümierte 1897 im Handelsblatt von Baltimore: „Mr. Painters Flaschenverschlüsse sollten so dicht sein wie die besten herkömmlichen Korken. Und zugleich so billig, dass man sie nach einmaligem Gebrauch wegwerfen konnte.“
Die Lösung: Ein Blechdeckel mit einer Papierbeschichtung im Inneren, sodass Metall und Flascheninhalt getrennt blieben, und einem Kork-Ring als Dichtung. Vor allem aber mit 24 Zacken am Rand, die den Anpressdruck beim Aufsetzen des Verschlusses gleichmäßig verteilten, ein Zerbrechen des Flaschenhalses bei dieser Prozedur vermieden und im Weiteren als „Sicherheitsventil“ dafür sorgten, dass der Deckel bei zunehmendem Druck in der Flasche leicht nachgeben konnte.
Diese Zacken entlang der runden Form gaben der Erfindung ihren Namen: Der „Crown Cork“, Kron(en)korken, wurde im Februar 1892 in den USA patentiert, bald darauf auch in Deutschland.
Eine Krone für die Flasche
Die Getränkeindustrie nahm die neue Verschlussmöglichkeit begeistert auf. Noch im selben Jahr gründete William Painter zur maschinellen Herstellung seiner Deckel die Crown Cork and Seal Company in Baltimore, heute als Crown Holdings Inc. globaler Player für starre Verpackungen aus Metall wie Getränkedosen, klassische Konservendosen für Lebensmittel und – immer noch – Metallverschlüsse.
Denn mit der Erfindung war es nicht getan. Dazu erneut John Hawkins: „Welche gewaltige Herausforderung es bedeutete, die Maschinen und Geräte zu entwickeln, um solche Verschlüsse in großen Mengen herzustellen und auf Flaschen aufzubringen – davon machen sich nur wenige Menschen einen Begriff.“
Der Crown Cork and Seal Company gelang es: Die maschinelle Herstellung der Kronkorken war günstig, der Verschluss von Flaschen mit kohlensäurehaltigem Inhalt zuverlässig. Schnell setzte daher der neue metallene Korken Bier- und Limonadenflaschen weltweit die Krone auf.
Folgeproblem: Wie geht die Krone ab?
Doch was nützt der innovativste Verschluss, wenn er auf der Flasche festsitzt? Ende des 19. Jahrhunderts löste man die ersten Kronkorken zunächst mit „Werkzeugen“ wie Messer, Nagel oder gar Eispickel. Das war zwar praktikabel, die Verletzungsgefahr jedoch groß.
William Painter hatte auch für das Folgeproblem seiner Erfindung bald eine Lösung: 1894 ließ er sich den „Capped-Bottle Opener“ patentieren, mit dem sich die Kronkorkenverschlüsse durch Hebelwirkung sicher entfernen ließen. Ein Haken oder eine Leiste unter den gezackten Rand des Kronkorkens geschoben, Gegendruck auf den Deckel ausgeübt, und der Korken wird weggehebelt – der klassische Kapselheber ist bis heute Standard.
Mit 21 Zacken immer noch genialer Standard
In den letzten 135 Jahren hat sich auch der Kronkorken nur wenig verändert. Aus zunächst 24 wurden jedoch international standardisierte 21 Zacken. Der „Verlust“ dreier Zacken ist darauf zurückzuführen, dass die Flaschenhälse im Laufe der Zeit dünner wurden. Die ungerade Zahl erleichtert außerdem die Zuführung in den automatischen Abfüllanlagen, da sich die Zacken nicht direkt gegenüberliegen und so weniger verkanten.
Auch beim Material gab es Anpassungen: Klassisch bestehen Kronkorken aus Weißblech, zunehmend wird das leichtere Aluminium genutzt. Und statt Korkdichtung, anfällig für Schimmelbildung, kommen thermoplastische Kunststoffe zum Einsatz. Diese werden im vorgestanzten Deckel geschmolzen und sorgen so nach dem Aufpressen für den luft- und druckdichten Verschluss der Flaschen.
Flaschenhals und Kronkorken müssen dabei passgenau zusammenfinden wie sprichwörtlich Topf und Deckel. In Deutschland und Europa sind sie daher normiert. Die DIN 6099 regelt die genauen Maße, Formen und Eigenschaften eines deutschen Standard-Kronkorkens, der demnach immer eine Höhe von genau 6 mm und einen Außendurchmesser von 32,1 mm hat, dazu die erwähnten 21 Zacken. Die Spezifikationen für sein Gegenstück, den Hals der klassischen Bierflasche, finden sich in der DIN 6094.
Zum Drehen, zum Ziehen?
Standards sind das eine, Varianten das andere. In Deutschland ist der klassische Kronkorken zum Aufhebeln weiterhin das Maß der Dinge, in den USA sind dagegen auch sogenannte Twist-off-Kronkorken weit verbreitet. Im Gegensatz zum klassischen Kronkorken können sie beliebig oft geöffnet und wieder verschlossen werden.
Allerdings sind Kronkorken zum Drehen vor allem für Einwegflaschen geeignet: Flaschen mit Schraubgewinde sind deutlich schwieriger zu reinigen und nutzen sich im Mehrwegkreislauf schneller ab als solche mit glatten Hälsen. Im deutschen Markt, der auf ein System effizienter Mehrwegkreisläufe ausgelegt ist, konnten sich Twist-off-Kronkorken daher ebenso wenig durchsetzen wie sogenannte Ring-Pull- oder Aufreiß-Kronkorken, die mittels einer kleinen Lasche mit Ring wie eine Konservendose aufgerissen werden.
Nachhaltiges Wegwerfen
Allein in Deutschland werden heute jährlich 22 Milliarden Kronkorken produziert – und weggeworfen. William Painters Erfindung avancierte damit zum wohl erfolgreichsten Wegwerfartikel aller Zeiten.
Ein Kronkorken aus Weißblech wiegt nur etwa 2,2 Gramm, auf die Gesamtproduktion gerechnet ergibt sich jedoch ein Gewicht von fast 50.000 Tonnen Metall – und eine wertvolle Ressource. Denn richtig entsorgt über das System der Gelben Tonne finden die zu 100 Prozent wiederverwertbaren Verschlüsse ihren Weg in den Recycling-Kreislauf und können zu neuen hochwertigen Stahlprodukten verarbeitet werden. Was heute noch ein Kronkorken war, wird so morgen vielleicht Teil eines Autos – und übermorgen wieder ein Kronkorken.
Nachhaltige Freude
Ein einzelner Kronkorken mag nahezu wertlos erscheinen, viele können viel Gutes bewegen: Soziale Vereine und Initiativen sammeln Kronkorken und geben sie in großer Menge bei Schrotthändlern und Recyclinghöfen ab. Der Erlös aus dem Verkauf der Metallverschlüsse fließt dann in bestimmte Projekte oder wird gespendet.
Besonders im Sommer lohnt sich vor dem Entsorgen oft auch ein eher eigennütziger Blick auf die Innenseite des Kronkorkens. Sofort-Gewinne, Glücks-Codes, Prämien – große wie kleine Brauereien und Limonadenhersteller nutzen die Deckel ihrer Flaschen in unterschiedlicher Form für Aktionen, die den Absatz steigern und die Kunden binden sollen.
Code eingeben und gewinnen: Viele Gewinnspiele sind verknüpft mit Gamification-Elementen. Gewinncodes müssen auf einer Aktionswebsite oder in der unternehmenseigenen App eingegeben werden. Hier können Punkte gesammelt, kleine Spiele gespielt werden und vieles mehr. So schaffen die Getränkehersteller eine direkte Verbindung zu ihren Kunden und erhalten gleichzeitig wertvolle Nutzerdaten.

Win-Win: Diesen Sommer führt bei BIONADE der Kronkorken zum Glück.
Foto: © BIONADE GmbH
Hobby, Kunst, Währung
Doch nicht alle Menschen trennen sich von ihren Kronkorken, die Metalldeckel sind auch bei Sammlern beliebt. Colnect, ein Wiki-basierter Online-Katalog für diverse Sammlungsobjekte, verzeichnet mehr als 70.000 unterschiedlicher Kronkorken, und immer wieder kommen neue hinzu. Ihr Wert? Hängt je nach Sammelart davon ab, wie alt oder wie selten der Kronkorken ist, ob er fabrikneu oder von einer Flasche entfernt worden ist.
Darüber hinaus sind Kronkorken Inspiration für verschiedenste DIY-Projekte: Sie werden Teil handgefertigter Schmuckstücke, von Musikinstrumenten, Magneten oder Kunstinstallationen. Für Schlagzeilen sorgte im vergangenen Jahr das „Kronkorken-Haus“ im niedersächsischen Nienburg. Mehr als 130.000 Kronkorken hat Frank Zeidler an Decken, Wänden und Böden seines Zuhauses verklebt und so ein wohl einzigartiges Stück Kronkorkenkunst geschaffen.

Wenn aus Deckeln Kunst wird:
Henning Leuschner, Deutschlands gefragtester Kronkorkenkünstler,
schafft aus tausenden Kronkorken immer wieder neue Werke.
Foto: © Henning Leuschner
Doch damit nicht genug der Kronkorken-Verwendungsmöglichkeiten: In der postapokalyptischen Welt der erfolgreichen Computerspielreihe Fallout dienen sie als Währung, im Garten bieten sie – mit den Zacken nach oben und als „Zaun“ aneinandergereiht – einen effektiven Schutz gegen Schnecken. Und nicht zuletzt sind sie wichtiges Element bei der Produktion von Schaumweinen. Champagner mit Kronkorken? Bei der traditionellen Flaschengärung kommen die zackigen Verschlüsse während der zweiten Gärung und Hefelagerung zum Einsatz.
Kronkorken sind wahre Alleskönner – was sie aber am besten können: unter Druck dichthalten und für Erfrischung sorgen. Zisch, Plopp, Aaah!
TITELFOTO: © gemeinfrei















